Garnisonsgeschichte einer Kleinstadt
Itzehoe ist seit dem 18. Oktober 1631 Garnisonsstadt, älter also als jedes Regiment, das später hier lag. Zunächst waren es Kavallerieeinheiten, die mangels eigener Unterkünfte bei den Bürgern einquartiert wurden, eine Praxis, die erst 1887 endete. Die Reichsgründung von 1871 brachte einen enormen Ausbau des deutschen Heeres mit sich, und wie andernorts auch wurde von der Stadt erwartet, dass sie den Kasernenbau selbst finanzierte, um die Gebäude anschließend an das Reich zu vermieten. So entstand ab 1887 an der Oelixdorfer Straße die spätere Waldersee-Kaserne.
Das Regiment, das diese Kaserne prägen sollte, war 1866 als Schleswigsches Feldartillerie-Regiment Nr. 9 gegründet worden und hatte in den ersten Jahrzehnten mehrere Standorte in Schleswig-Holstein durchlaufen, bevor Itzehoe am 1. April 1891 zur Hauptgarnison wurde. Ab 1899 waren die I. und II. Abteilung mit je drei Batterien fest in der Stadt stationiert und ausgebildet – dazu kam 1897 mit der neu errichteten Kaserne an der Oelixdorfer Straße/Kaiserstraße/Jahnstraße auch die reitende Abteilung. 1901 erhielt das Regiment seinen bis heute bekannten Namen: Regiment Generalfeldmarschall Graf Waldersee (schleswigsches) Nr. 9, benannt nach seinem Chef Alfred Graf von Waldersee (* 8. April 1832 in Potsdam; † 5. März 1904 in Hannover), jenem Feldmarschall, der wenig später das internationale Expeditionskorps während des sogenannten Boxeraufstands in China befehligte und dafür – trotz international kritisierter Kriegführung – 1902 Ehrenbürger der Stadt Itzehoe wurde, ein Titel, den er formal bis heute trägt.
Der Erste Weltkrieg kostete die in Itzehoe beheimateten Teile des Regiments (374 Männer) das Leben, insgesamt fielen aus dem Regiment und seiner Kriegsformation, dem Reserve-Feldartillerie-Regiment Nr. 17, 378 Soldaten. Rechnet man Stadt und die damals noch selbständige Gemeinde Klosterhof zusammen, verlor Itzehoe im Krieg 790 Männer – eine Zahl, die für eine Kleinstadt dieser Größe erdrückend war.
1925 setzte der „Neunerbund Hamburg-Itzehoe”, die Kameradschaftsvereinigung der ehemaligen Regimentsangehörigen, dem gefallenen Regiment ein Denkmal – finanziert allein durch Spenden aus der Bevölkerung, denn die Stadtverordnetenversammlung hatte sich mehrheitlich geweigert, städtische Mittel dafür bereitzustellen. Man fürchtete, das Vorhaben würde zu einem monarchistischen Symbol geraten. Die Sorge war nicht unbegründet: Bei der zweitägigen Einweihungsfeier hissten viele Itzehoer die schwarz-weiß-rote Fahne des untergegangenen Kaiserreichs, und Bürgermeister Adolf Rohde hielt trotz der vorherigen Ablehnung eine Festrede. Entworfen hatte das Monument der Berliner Bildhauer Hans Jenkel, ausgeführt wurde es – nach inflationsbedingten Finanzierungsproblemen – deutlich günstiger vom Itzehoer Steinmetzbetrieb F. Kolbe. Später kamen zwei Gedenksteine mit Kupferreliefs hinzu: Sie zeigen Waldersee und Werner von Fritsch (* 4. August 1880 in Benrath; † 22. September 1939 bei Praga, Warschau), beide einst Regimentschefs der Itzehoer Artilleristen. Fritsch war als Generaloberst von 1934 bis 1938 Oberbefehlshaber des Heeres.
Mit dem Ersten Weltkrieg endete die Geschichte der „Neuner” als eigenständiges Regiment, doch Itzehoe blieb Garnisonstadt. Ab 1. Januar 1921 lag hier die III. Abteilung des 2. (Preußischen) Artillerieregiments der Reichswehr. 1934 formierte sich daraus, zunächst unter dem Tarnnamen „Artillerie-Regiment Rendsburg” – ein Name, der über die tatsächliche Aufrüstung hinwegtäuschen sollte –, ein neuer Verband, der ab Oktober 1935 als Artillerie-Regiment 20 in die Wehrmacht überführt wurde. Weil die vorhandenen Kasernen dem wachsenden Personalbedarf nicht genügten, ließ der NS-Staat im Nordosten der Stadt, entlang der Straße Langer Peter, zwei weitere Kasernenanlagen errichten: die Hanseaten-Kaserne, benannt nach dem einstigen Hanseatischen Infanterie-Regiment Nr. 76, und die Gallwitz-Kaserne, benannt nach dem General Max von Gallwitz. Im Zweiten Weltkrieg dienten diese Anlagen dem Ersatzheer, zeitweise auch als Kriegsgefangenenlager: Von 1939 bis Anfang 1941 bestand hier das Offizierslager Oflag X A/Z.
Am 5. Mai 1945 rückten Einheiten der britischen 7. Panzerdivision in Itzehoe ein, für die Stadt war der Krieg damit beendet. Die Briten richteten in der Gallwitz-Kaserne zunächst ihr Hauptquartier ein und benannten die Anlagen in Richmond Barracks und – nach einem Gründer der Royal Artillery – Borgard Barracks um. Über die folgenden Jahre wechselten die Nutzer mehrfach: 1948/49 lag hier eine norwegische Brigade, anschließend bis 1958 das dänische Kommando in Deutschland. Erst danach, von 1958 bis zur Aufgabe der militärischen Nutzung 1993, zogen Artillerie-, Logistik- und Sanitätseinheiten der Bundeswehr ein. Nach dem Abriss fast aller Militärgebäude entstand auf dem rund zwanzig Hektar großen Areal ein neuer Stadtteil – Wohnhäuser und Gewerbeflächen dort, wo einst Kanonenrohre gereinigt und Pferde beschlagen wurden.
Von alldem ist an der Oberfläche der Stadt heute wenig zu sehen. Ein paar erhaltene Kasernengebäude an der Oelixdorfer Straße stehen unter Denkmalschutz, das Neunerdenkmal an dem Klosterhof erinnert, meist unbeachtet, an die Gefallenen von 1914 bis 1918. Wer genauer hinschaut, erkennt in Straßennamen, Gebäuderesten und eben jenem Denkmal die Umrisse einer Garnisonsstadt, die über Jahrzehnte hinweg vom Militär mitgeformt wurde – vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus bis in die Bundesrepublik hinein.
Text: J.L.
Verwendete Literatur
Denkmalliste unbeweglicher archäologischer Kulturdenkmale im Zuständigkeitsbereich des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein (ALSH), Stand 2016.
Gesetz zum Schutz der Denkmale (Denkmalschutzgesetz) vom 30. Dezember 2014, abrufbar unter: https://www.gesetze-rechtsprechung.sh.juris.de/jportal/?quelle=jlink&query=DSchG+SH&psml=bsshoprod.psml&max=true&aiz=true.



